weitere Informationen
 

KREUZ UND QUER

Ausstellungseröffnung Klosterkirche Wittenburg, 17. Juni 2006
Norbert Hilbig

Nicht jeder gebürtige Bayer ist in katholische Glaubenslehren eingebettet. Der Bayer Fritz Dommel jedenfalls nicht. Und das, obschon sein Vater als Malermeister viel in Kirchen arbeitete und der kleine Fritz durch diesen Umstand sich manches Mal in eben diesen Kirchen herumgetrieben hat. Und irgendwas bleibt an einem immer kleben - wie Farbe an den Händen -, und bei Fritz Dommel ist es eine eigentümliche Liebe zur Stille von Kirchen und ein gutes Gefühl in ihrer Kühle an heißen Sommertagen. Bis heute - nach Jahrzehnten in der norddeutschen Diaspora - ist er fast schmerzlich berührt von jener gläubigen Versunkenheit, die er bei Betern in Kirchen manchmal beobachtet, wenn er durch Kirchen streicht bei seinen Fahrradtouren, bei denen er irgendwann auch die Klosterkirche Wittenburg entdeckte und dann eines jener Konzerte dort besuchte, die Kirchen irgendwie so überirdisch strahlend machen. Ihm müsste Amadeu - mit diesem Text hier - aus der Seele sprechen:

"Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfenstern hinaufsehen und mich blenden lassen von den unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz. Ich brauche ihn gegen die schmutzige Einheitsfarbe der Uniformen. Ich will mich einhüllen lassen von der herben Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche es gegen das geistlose Gebrüll des Kasernenhofs und das geistreiche Geschwätz der Mitläufer. Ich will den rauschenden Klang der Orgel hören, diese Überschwemmung von überirdi-schen Tönen. Ich brauche ihn gegen die schrille Lächerlichkeit der Marschmusik. Ich liebe betende Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Gedankenlosen. (...) Eine Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte."1.

Dommel hat in Nürnberg studiert. Dommel war Professor an der Fachhochschule in Hildesheim und dann viele Jahre bis zu seiner Emeritierung an der Universität der Künste in Berlin. Sein Lehrgebiet: Experimentelle Grafik. Seine Technik: Die älteste von allen, die Drucktechnik. Der Holzschnitt. Der Holzdruck. Irgendwie entspricht ihm die Klarheit des Schwarz oder Weiß. Des Hoch oder Tief. Er sagt gerne Ja oder Nein. Es geht um das Oder. Um das Entweder-Oder. Eins-von-beiden. Das gibt den Dingen der Welt ihre Ordnung: oben oder unten, hoch oder tief, Himmel oder Hölle, gut oder böse, groß oder klein, stark oder schwach, gerecht oder ungerecht, Tod oder Leben. Aber - das läge doch wirklich nahe - mit Themen der Religion hatte er wenig bis nichts zu tun. Und nun - das ist dieser atemberaubenden Klosterkirche geschuldet - macht er sich das Kreuz zum Thema. Was kommt dabei raus bei einem wie Fritz Dommel?

Da ist ein Grabstein. Wo? Da drüben! Er steht an der Wand. Nein, das ist eine Grabplatte, die eigentlich liegen müsste. Hier steht sie. Oder er. Eine Körperlänge hoch. Sie deckt einen Körper zu. Sie verschließt ein Grab. Fritz Dommel lässt sich ein auf das, was da schon ist. Als wäre es immer schon da gewesen. Er verwandelt die Grabplatte in ein Kreuz. Rechts eine Leinwand und links eine. Darauf sind Hände gedruckt. Gekreuzigte, geschundene, gemarterte. Jede Senkrechte ist Basis eines Kreuzes, die dann ein Körper verdeckt. Der Querbalken ist allein für die Hände. Die festgenagelten Hände können nicht mehr tätig sein. Jede Handlung endet hier.

Den Weg bis ans Kreuz nennen wir Kreuzweg. Der von Fritz Dommel hat zwölf Stationen. Es könnten auch mehr sein. Oder weniger. Aber am Ende ist immer das Kreuz. Oder umgekehrt: Am Kreuz ist immer das Ende. Und der Weg dahin ist immer Leidensweg. Das zeigen Dommels zwölf Bilder, die wie eines sind. Und Stationen, also so etwas wie Haltestellen auf dem Weg, gibt es ganz eigentlich nicht. Eher Zustände, Zeichen von inneren und äußeren Verheerungen, Brechungen, Beschädigungen, Verwerfungen und Verletzungen, die in der Annäherung an das Kreuz, auf dem Weg dahin entstehen. Da ist auf der einen Tafel ein Bersten, als flöge etwas auseinander im Schmerz. Und dann sind da auf einer anderen - wie bloßgelegte Nervenbahnen - Zeichen körperlicher Auflösung, und auf einer wieder anderen sind vom Fleisch freigelegte Rippen, ein Gerippe, nach der Geißelung. Adern wie Fasern dann, aus den Muskeln herausgerissen. Das Irrewerden in wundem Schmerz und Verzweiflung dann, der hin und her geworfene Kopf und der Schrei "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!"2. Und dann: der gebrochene Körper wie eine geknickte Stele. Und dann - als träte nach oben hin ganz licht aus dem geschundenen Körper etwas heraus - "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist."3. Es ist in allen Andeutungen der Holzdruck - ganz so wie dieser Kreuzweg - schwarz und weiß, allein mit einer Firnisspur darin wie eine von Körpersäften, wie eine von Wundwasser, Schweiß und Blut. So vielleicht ließe sich dieser Kreuzweg von Fritz Dommel sehen, aber: Keine dieser Assoziationen ist zwingend. Und das umso mehr, als die zwölf Bilder keiner Chronologie gehorchen, es gibt kein erstes und kein letztes Bild, keinen Anfang und kein Ende. Ihre Anordnung gehorcht dem Titel der Ausstellung "Kreuz und quer." Sie zwingen allein in ihrer Nichteindeutig-keit jeden, die eine oder andere Assoziation zu wagen.
Dann die Bildserie: Brotadern. Sechsunddreißig Tafeln. Zerbröselte, zermahlene Nahrungsmittel. Essensreste. Der Überschuss von dem, was uns am Leben hält. Lebensmittel. Diese Installation hat in der Klosterkirche Wittenburg ihren Ort neben dem Kreuz, das Lebensmittel neben dem Todessymbol. Am Abend vor der Kreuzi-gung - so überliefert die Geschichte -: das Abendmahl. "Esst, dies ist mein Leib."4. Das Brot wird gebrochen. Das Brot, von dem wir leben, ist Symbol des Leibes, der gekreuzigt, gebrochen wird. Und der Becher Wein. "Trinkt alle daraus, das ist mein Blut, das für alle Menschen vergossen wird."5. Der Gekreuzigte sei der, durch den wir leben. Sein Tod sei unser Leben. Das ist die Geschichte des neuen Testaments. Wenn wir für unser täglich Brot danken, dann danken wir ganz eigentlich für unser Leben - jeden Tag. Unser täglich Leben.

Es ist Fritz Dommel mit seiner Symbolsprache, mit all seinen visuellen Operationen und inhaltlichen Bezugnahmen dem neuen Testament doch näher, als wir am Anfang vermuten wollten. Gleichwohl bleibt eine kritische Distanz lebendig, die ihn als Künstler vor jedweder Indienstnahme oder Vereinnahmung bewahrt. Und genau dies macht seine Kunst um so viel glaubwürdiger und authentischer, als sie es sein könnte, wenn sie willfährig ihrem Gegenstand sich überließe. Die Wahrhaftigkeit seines Kreuzweges, das Ringen in jedem Detail um die angemessene Form, der tastende Gestus, frei von theologischer Schlaumeierei, macht Dommels Kunst mehr zu einer religiösen, als so genannte religiöse Kunst es sein könnte. Sie ist es umso mehr, als sie sich nicht krumm macht, es zu sein.

Der Ausstellungstitel "Kreuz und quer" verführt zum Nachdenken über das Kreuz, das als Hinrichtungsinstrument der Römer in die Welt kam. Dass der Gottessohn daran gemartert und getötet wurde, hat ihn und es unsterblich gemacht. Und dann ist man verführt, nachzudenken über das Quere, das Verquere, das, was sich quer stellt zum Gemeinten. Der Querdenker, oder der Querkopf, erst recht der Querulant ist so einer, der Brüche in die Glätte bringt, Kratzer in den Lack reißt, einer, der die Richtung ändert und die Spur verlässt. Das Quer ist dem Kreuz eingeboren, als Querbalken. Ohne das Quer ist kein Kreuz. Nun wird aber mit kreuz und quer umgangssprachlich das heillose Durcheinander gemeint, was der klaren Form des Kreuzes nun wirklich nicht gerecht wird. So fängt es an, das Nachdenken. Und hört nicht auf.

Zurück zum Kreuz. Es ist nicht zu denken ohne das, was an ihm sich ereignete und was Religion stiftete. Unsere. Und ganz gleich, was wir glauben, keiner kommt am Kreuz vorbei. Jede und jeder trägt das seine. Und manchmal kommt einer und hilft ein Stück weit es tragen. Und geht dann wieder. Am Ende ist jeder allein. Das Schrecklichste vielleicht ist das Tragen. Das Tragen von Schuld. Die Last, die erdrückt. Und das Ertragen. Das Ertragen von Schmerz. Es ist ja jeder Körper, wenn die Arme seitlich ausgestreckt sind, ein Kreuz. Jedem ist die Kreuzform in den Körper eingeprägt. Jeder ist Kreuz. So geht das Nachdenken weiter. Und hört nicht auf.

Was macht jetzt ein bildender Künstler damit. Ein denkender, ein nachdenklicher Künstler? Was macht Norbert Klora damit? Der hat mit Religionen erst einmal wenig zu tun, obschon er so vielen begegnete bei seinen atemberaubenden Reisen kreuz und quer durch die Welt. Aber er sieht, dass viel Kreuz ist in dieser heillosen Welt. Auch da, wo es als Zeichen nicht vorkommt. Und es ist doch. In Sri Lanka, einem Urlaubsparadies, da werden Tamilen massakriert, Mitglieder der separatistischen Untergrundorganisation Tamil Tigers. Kreuzigungen ohne Kreuz. Auch Guillotine und Garrotte waren Kreuze ihrer Zeit. Und was macht jetzt ein denkender Künstler damit. Er malt. Was sollte er sonst tun? Er malt also. Aber was malt er? Norbert Klora malt, nein, er übermalt Todesanzeigen. Einfach Todesanzeigen, wie sie in Zeitungen dort gedruckt werden, mit einem Foto des Getöteten, und dem Geburtsjahr, und dem Todesjahr, und einem Text, den wir nicht lesen können. Wir sehen sein Gesicht und erfahren - immerhin - wie alt er wurde, der Gekreuzigte ohne Kreuz. Mehr nicht. Alles andere bleibt im Dunkel. Es ist immer dunkel. Am Ende. Es ist Finsternis. Am Ende. Und manchmal schon vorher. Leben in Finsternis. Ganze Epochen sind finster. Das finstere Mittelalter. Zum Beispiel. Fast ohne Licht. Norbert Kloras Übermalungen machen das sichtbar. Jede und jeder hat dieses Prinzip bei Christo und Jeanne-Claude studieren können: Einzig in der Verhüllung wird das Verhüllte enträtselt. Nur im Versteck zeigt das Versteckte, was es ganz eigentlich ist.
Dann ziehen welche in den Krieg. Ein Kreuzzug. Der heißt so. Sie töten im Namen des Kreuzes. Im Zeichen des Kreuzes. Die Kreuzritter. Die heißen so. Und Norbert Kloras Bilder sind ebenso monströs wie das, was sie zeigen. 3,60 x 2,40. Und ebenso finster. Hier und da scheint etwas vor von den weißen Mänteln der Kreuzritter, da die Ahnung eines erhobenen Schwertes, ein Schild, ein Kopf, ein Helm, ein Kreuz, Schlachtgetümmel. Dann Dunkelheit. Tod. Kreuzigung.

Es wird gestorben. Am Kreuz. Einer wird ans Kreuz geschlagen. Er stirbt durch das Kreuz. Oder es stirbt einer für das Kreuz. Wer für das Kreuz stirbt, wer sein Leben opfert für es, der macht sich zum Märtyrer. Auch der Mörder. Der Kreuzritter, der in der Schlacht gegen die Ungläubigen stirbt. Der geschlachtete Schlächter. Der gemordete Mörder.

In hoch fanatisierten Glaubenszusammenhängen wurde die Welt immer wieder - bis heute - neu und falsch und mörderisch definiert. Der junge Selbstmordattentäter, der seine Splitterbombe in einem Bus in Jerusalem zündet, wird ja unter seinesgleichen tatsächlich als Märtyrer gesehen. Und der erschlagene Kreuzritter von den seinen ebenso. Es geht um das Sterben für eine religiöse Zielsetzung. Es geht um die Opferung des eigenen Lebens für eine religiöse Überzeugung. Manchmal mit politischen eng verknüpft. Da rechts, die Zweite von rechts, oben rechts, das ist die Johanna von Orleans.

Und dann ist da einer, der steht für seinen Glauben ein und lässt nicht ab davon. Da sind nicht Hass und Tod, da ist nur Liebe. Und Verzweiflung. So stirbt dann einer, in lauter Liebe. Dietrich Bonhoeffer. Er wurde 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet. Maksymilian Maria Kolbe. Er opferte sich für einen Mithäftling. Er starb 1941 in Auschwitz. Hungertod im Bunker.

Was macht jetzt ein Maler damit? Was macht Norbert Klora damit? Er malt nicht. Diesmal nicht. Er montiert. Keine malerische Umsetzung diesmal, stattdessen ganz konzeptionell, ganz klar, ganz streng. Klora montiert und komponiert ein Kreuz aus Köpfen auf einer Leinwand. Ein Kreuz aus hundertzwölf Märtyrerköpfen. Und keiner dieser Köpfe ist in Kloras Komposition noch der, der er einmal war. Jeden dieser Köpfe hat Klora digitalisiert und umgefärbt, ganz eigentlich hat er jeden einzelnen und alle zusammen neu erschaffen und versammelt - in einem Kreuz aus einhundertzwölf Märtyrerköpfen. Sechs Meter hoch und mehr als drei Meter breit. Klora zeigt Gesichter. Und wir werden gewahr, dass jedem Gesicht ein Kreuz eingeprägt ist. Die Augenpartie die Horizontale, der Querbalken, die Nase die Vertikale. 112 Kreuze in einem.

Norbert Kloras Märtyrerkreuz ist eine Hommage an Opfer und Opferung. Aber in seiner unprätentiösen Klarheit nimmt es all die Verklärungen zurück, die jeder Geschichte eines jeden Gesichtes anhaften. Die Gesichter werden zitiert, wie historische Quellen in einem Text. Und in dem Kontext, in den sie gestellt sind, werden sie gewürdigt und entzaubert zugleich. Denn keinem Gesicht sieht man an, welche Geschichte es prägte. Was wäre, wenn zwischen all den Märtyrergesichtern eines wäre, das einem Täter gehörte. Irgendwo in der Nähe von Pater Kolbe das des blutigen Kapos Krott, der einen Knüppel auf ihm in Stücke schlug. Wir würden es nicht erkennen.

Die freien malerischen Arbeiten Kloras sind dieser konzeptionellen ähnlicher, als es auf den ersten Blick scheinen will. Beide Male nämlich drückt etwas durch Verhüllungen und Verwischungen sich aus. Einmal wird durch die schroffen Übermalungen ein Dahinterliegendes versteckt und zugleich hervorgebracht. Im Märtyrerkreuz wird dieses Gestaltungsprinzip mit anderen Mitteln verfolgt: Die zitieren Gesichter sind durch den Formzusammenhang, in den sie gestellt sind, verschwommen und gleichzeitig hervorgehoben. Jedes einzelne Gesicht verliert sich in der Vielzahl der Gesichter und findet sich in der Kreuzform dann doch als einzelnes aufbewahrt. Jede einzelne dieser Lebensgeschichten wird in jenem Rahmen festgehalten, der es prägte. Im Kreuz.
 
1.      P. Mercier, "Nachtzug nach Lissabon", München, Wien 2004, S. 198
2.      Neues Testament, Markus 15, 34
3.      Neues Testament, Lukas, 23,46
4.      Neues Testament, Matthäus, 26, 26
5.      Neues Testament, Matthäus, 26, 27
 
Startseite          Impressum